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Sonntag, 25.07.04

Erlebnisbericht von Ana Isabel Sühling II

An dieser Stelle möchte ich ein wenig über die Umstände und meine Erlebnisse in den Pressezentren der Copa América 2004 in Lima und Arequipa berichten.

Eine Akreditation der Art „Prensa Escrita“, wie ich sie habe, erlaubt das Benutzen der Pressezentren (Sala de Prensa; Sala de Comunicaciones) und den Zugang zu allen Stadien / Spielen. Es gibt zwei Arten von Pressezentren. In Lima ist die eigentliche Sala de Prensa im Museo de la Nación untergebracht. Sie besteht aus einem großen Raum, in dem es neben Drucker, Kopierer, Scanner, einem großen LG-Fernseher auch 22 Computern, ebensoviele Anschlussmöglichkeiten für Laptops (kaum genutzt) und Wireless LAN gibt. Es gibt weiterhin an die 20 öffentliche Telefone, ein Fax, eine kleine Post und einen Stand der Telefonica, wo man Telefonkarten u.ä. kaufen kann. So viel zu den „Comunicaciones“. Ansonsten steht einem hier ein normalerweise mit Getränken gefüllter Kühlschrank zur Verfügung (Wasser, Pepsi logischerweise, 7Up) und es gibt praktisch den gesamten Tag über Tee, Kaffee, Kekse, Obst und andere kleine Snacks. Regelmäßig werden die neusten Meldungen an eine große Tafel geschrieben und die vielen freiwilligen Helfer verteilen alle reinkommenden Pressemittleilungen an die Anwesenden. Die Freiwilligen sind überwiegend Studenten einschlägiger Fachrichtungen. Sie sind immer sehr hilfsbereit und freundlich, ohne dabei heuchlerisch zu wirken, ihre Tätigkeit scheint ihnen sichtlich Spaß zu machen. Die absolute Mehrheit der Journalisten kommt aus lateinamerikanischen Ländern und so ist die Umgangssprache selbstverständlich Spanisch (Brasilianisch an Spieltagen der Selecao). Die Atmosphäre im Museo de la Nación ist sehr angenehm und entspannt.

Anders sieht das in der Sala de Comunicaciones im Estadio Nacional selber aus. Das liegt zum einen daran, dass sie sehr viel kleiner ist und nur an Tagen geöffnet ist, an denen ein Spiel stattfindet. Von dort aus wird vor, während und nach den Spielen telefoniert und geschrieben. Dementsprechend ist die Atmosphäre eher aufgeheizt, Meldungen müssen so schnell wie möglich geschickt, Fotos noch schnell bearbeitet werden. Alle Computer und Anschlussmöglichkeiten sind praktisch die gesamte Zeit über besetzt. Aber auch dort steht der Tee&Kaffee-Tisch, der Kühlschrank, der Postcounter etc., was sehr angenehm ist.

In Lima waren neben peruanischen Journalisten vor allen Dingen Kolumbianer und Venezolaner die auffälligsten Erscheinungen. Gleich zu Beginn der Copa wurde ich von zwei sehr netten Kolumbianern von Caracol Radio „adoptiert“, was sehr angenehm war. Zum einen kennen sich die beiden bedeutend besser im südamerikanischen Fußballzirkus aus als ich und konnten mir vieles erklären und mir Ratschläge geben. Zum anderen war es für mich unendlich wertvoll in dem ganzen Trubel altbekannte Gesichter zu finden. Mein Alltag während der Copa bestand tagsüber darin Zeitungen und Pressemeldungen durchzugehen und Interviews zu geben. Teilweise waren es tatsächlich Interviews im engeren Sinne (Radio, Zeitung, Peru, Kolumbien, Venezuela), teilweise kam es mir nur so vor. Südamerikaner im Allgemeinen sind an sich schon sehr neugierig und schwatzhaft. Mit diesem angeborenen (An)Sprechreflex, dann noch gepaart mit journalistischen Wissbegierigkeit, fanden sie mich und wollten alles über mich wissen. Die erste Überraschung für sie war, dass ich Deutsche bin. Aufgrund meiner peruanischen Eltern sehe ich auch tatsächlich nicht danach aus. Pro Tag hatte ich mindestens drei dieser stets sehr ähnlichen Unterhaltungen zu führen. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich habe das als sehr angenehm und auch unterhaltsam empfunden. Ich musste praktisch nur dort sitzen und wurde automatisch und gerne von vielen angesprochen und „aufgenommen“. Und wem schmeichelt es nicht, ständig um Interviews gebeten zu werden? Aber nach nunmehr fast 19 Tagen muss ich rückblickend auch sagen, dass es sehr, sehr anstrengend war. Deswegen war es für mich so wertvoll gleich zu Beginn einige, nette Leute gefunden zu haben, denen ich mich nicht mehr vorstellen musste und neben denen ich in Ruhe arbeiten konnte. All diese Bekanntschaften, die mit Karte und Handynummer abgeschlossen werden, sind genauso unpersönlich wie sie sich anhören. Dennoch kommen genau so Kontakte zustande und das Austauschen von Handynummern bspw. gehört ganz einfach dazu. Ich hatte das schon während zwei Gelegenheiten in Berlin kennengelernt, war aber nicht auf das Ausmaß hier gefasst. Und auch wenn ich als 24-jährige, allein auftretende peruanische Deutsche mit 1.9 kg-Laptop sicherlich besondere Aufmerksamkeit erregt habe (der Frauenanteil unter den Journalisten im Pressezentrum lag an guten Tagen höchstens bei vielleicht 5%), war nicht nur ich der allgemeinen Befragungswut ausgeliefert. Eine der Hauptbeschäftigungen aller war es, sich gegenseitig für ihre Programme zu interviewen. Viele kannten sich schon von vergangenen Veranstaltungen, der Rest lernte sich schnell kennen. Und da während der Gruppenphase eigentlich kaum gereist wurde, konnte ich mich gut eingewöhnen, sah die selben Gesichter wieder und wurde bald an allen Ecken begrüßt, oftmals mit einem „Alemania!“-Ruf.

Die Entscheidung nach Arequipa zu fahren traf ich eher spät. Eben weil ich dort definitiv niemanden kennen würde und in wenigen Tagen das ganze Programm erneut zu absolvierend hätte. Netterweise vermittelte mir einer der Freiwilligen eine Privatunterkunft in Arequipa und so hatte ich dort wirklich so etwas wie ein Haus und eine Familie und konnte die ganzen Aufregungen leichter verkraften.

Die Sala de Prensa in Arequipa war direkt im Stadion der UNSA untergebracht. Sie war wesentlich kleiner als die in Lima und wirkte dadurch etwas chaotisch und stets überfüllt. Ein weiterer großer Unterschied war, dass die meisten dort aus Brasilien stammten. Die Stimmung war aufgeregter, der Geräuschpegel höher und es wurde eindeutig mehr gelacht. Die Brasilianer blieben meist unter sich und das ermöglichte mir, mich ganz auf die Suche nach paraguayischen Journalisten zu konzentrieren. Ich fand schließlich auch zwei der fünf Mitgereisten. Ich hatte erneut großes Glück und sie konnten mir das Interview mit Aníbal Ruiz vermitteln. Arequipa ist eine wunderschöne Stadt und ich konnte sie die Tage auch etwas genießen. Die Zuschauerzahlen blieben weit hinter denen Limas zurück und die Atmosphäre konnte dem eindrucksvollen Stadion mit Blick auf den Vulkan Misti nicht wirklich gerecht werden. Was die Freiwilligen und auch Offiziellen in Arequipa angeht, so schienen sie (noch) entspannter als in Lima und ließen mich diesen kleinen Ausflug zu keinem Zeitpunkt bereuen. Und wie es eigentlich zu jeder Reise gehört, konnte auch ich einer kleinen Katastrophe nicht entgehen. Die nationale Fluggesellschaft Aerocontinente musste just an meinem Rückflugdatum den Flugverkehr aufgrund nicht gezahlter Versicherungen einstellen und ich saß wie viele andere Copa-Besucher am Flughafen fest. Wieder hatte ich Glück, bekam mein Geld sofort zurück und konnte meinen Aufenthalt problemlos um zwei Tage verlängern. Der Rückflug war dann mit LanPeru um 1 Uhr morgens und einer Maschine voll wichtiger Leute der Conmebol und Presse aus Peru, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte.

In allen Pressenzentren habe ich nur angenehme Erfahrungen gemacht. Ich wurde regelrecht umsorgt, da einige es fast als ihre persönliche Aufgabe angesehen haben, der peruanischen Deutschen das Leben leichter zu machen. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Offenheit und Zwanglosigkeit, das sind einige der Dinge, die mir noch lange positiv im Gedächtnis bleiben werden. Ich hoffe, dass die ausländische Presse während der WM 2006 einen ebenso schönen Aufenthalt in Deutschland haben wird wie ich hier zur Copa América 2004 in Peru hatte.

 
© 2004 by www.albigol.s3.cybton.com - Niels-Oliver Walkowski (Albigolsite@netscape.net) - Isabel Sühling